Fremde Feder: Dear Mister President, wie konnten Sie nur …?

Mit herzlichem Dank an Jennifer Nathalie!

„Dear Mister President,

mit dem größten Entzücken reagierte ich letzten Montag auf die Nachricht vom Tod Osama bin Ladens. Allerdings bin schon ein bisschen traurig, dass offenbar keiner meiner Landsleute, bis auf Angela Merkel, diese Freude teilt – was, unter uns gesagt, auch nicht gerade die beste Gesellschaft ist. Du solltest wissen, dass „wir Deutsche“ für gewöhnlich ein etwas eigentümliches Verhältnis gegenüber Diktatoren, Terroristen und Massenmördern pflegen:
Die Haie im indischen Ozean hatten den Leichnam noch nicht mal unter sich aufgeteilt, da meldeten sich in Deutschland schon zahlreiche Völkerrechtsfetischisten, Islamwissenschaftler und Friedensforscher zu Wort, um das amerikanische Vorgehen fachgerecht zu verurteilen. Du fragst dich jetzt sicher, was an der Liquidierung eines der brutalsten Massenmörder der jüngeren Geschichte so falsch war. Die Antwort lautet: Alles! Ich weiß, du verstehst das nicht (ich übrigens auch nicht), aber es ist nun mal Fakt: Der Großteil der Deutschen findet dich, deine Vorgänger, deine primitiven Landsleute, und überhaupt, die Vereinigten Staaten an sich, total doof (nur bei Cheeseburgern machen wir eine Ausnahme). Das liegt vermutlich daran, dass „wir“ euch euren Einsatz im zweiten Weltkrieg immer noch nicht ganz verziehen haben, denn eigentlich war’s mit Hitler im 3. Reichen doch ganz schön. Grund genug, nach über 60 Jahren immer noch ordentlich beleidigt zu sein und bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Haar in eurer nationalpatriotisch überwürzten Suppe zu suchen. Zum Beispiel jetzt. Das Gros der deutschen Spießbürger verabscheut eure Kriegstreiberei und euren schlampigen Umgang mit dem Gesetz nämlich zutiefst. Deutschland ist ja schließlich, zumindest seit 1945, die letzte Bastei der ultimativen Moral und Nächstenliebe! Im Folgenden eine kurze Erklärung, wie der Großteil der Deutschen (hier mit „wir“ gekennzeichnet) die Sache gelöst hätte:

„Wir Deutsche“ lieben Gesetze, v.a. solche, die ihr ständig brecht! Selbst der regelmäßige Stammtischbesucher, der „Richter Hold“ für ein exaktes Abbild der Realität hält und natürlich über kein Staatsexamen in Jura verfügt, unterlegt seine Ansprachen dieser Tage mit ein paar ausgewählten Artikeln und Paragraphen des Völkerrechts. Aber davon habt ihr Deppen natürlich keine Ahnung. Den armen Kerl einfach so abknallen – pfui! Auge um Auge, Zahn und Zahn – das halten „wir“ zwar in jedem Nachbarschaftsstreit um aufgeschlitzte Autoreifen und geschändete Gartenzwerge für äußerst angemessen, aber sobald es um Massenmord geht, finden „wir“ das absolut primitiv. Hierzulande regelt man solche Dinge nämlich für gewöhnlich im Rahmen eines Dialogs. Der darf dann auch gerne mal sowohl „kritisch“ als auch „friedlich“ sein oder sich zwischen „Religionen“, „Kulturen“ und „Generationen“ abspielen. Richtig wäre es demnach, zunächst im Garten einen Stuhlkreis zu errichten, danach bei Bin Laden zu klingeln und ihn höflich zum Dialog zu bitten. Zudem würden „wir“ uns zuvor mit Amnesty International absprechen, um im Rahmen der Operation Menschenrechtsverletzungen jeglicher Art ausschließen zu können. Jawohl, auch Terroristen haben Rechte! Ideal wäre zudem die Anwesenheit eines kompetenten Psychologen-Teams, welches sich eingehend mit dem Terrorfürst selbst, seiner Kindheit und der Frage „Wie konnte es soweit kommen?“ beschäftigt. Zur Krönung würde dann Margot Käßmann aus der Bibel vorlesen und christliche Primärtugenden predigen, wonach z.B. vergeben auch gütiger als vergelten ist. Du findest das jetzt möglicherweise befremdlich (ich auch!), aber in Deutschland ist es durchaus üblich, sich intensiver mit Tätern als mit Opfern zu beschäftigen. Also, Mister President: Wenn’s mal wieder so weit sein sollte, dann melde dich doch bitte bei „uns“! „Wir“ schicken dir gerne umgehend tatkräftige Unterstützung vorbei, z.B. Claudia Roth (Expertin im Umgang mit Diktatoren), Kurt Beck („Wir müssen auch mit den Taliban verhandeln!“) oder Inge Höger (Anwältin der Menschenrechtsorganisation Hamas).

Außerdem haben „wir“ im Gegensatz zu euch wenigstens noch Respekt und Anstand gegenüber anderen Kulturen! Der Islam gehört schließlich zu Deutschland, darum würden wir gläubige Moslems auch nie kaltblütig in den Tiefen der Nordsee versenken. Konsequenterweise beschäftigt man sich dieser Tage auch intensiv mit der islamischen Bestattungskultur sowie mit der höchst brisanten Frage, ob Herr Bin Laden trotz seiner unwürdigen Bestattung dennoch ins Paradies einziehen und dort auf die versprochenen Jungfrauen treffen wird. Speziell in den Redaktionsräumen der renommierten Süddeutschen Zeitung rauchen ob dieser Problematik bereits seit Tagen die Köpfe. Tatkräftig unterstützt wird das Blatt dabei übrigens von kompetenten Islamwissenschaftlern und Nahostexperten, die überwiegend in pakistanischen Koranschulen, statt im Rahmen eines ordentlichen Universitätsstudiums, ausgebildet wurden und daher ganz genau wissen, wovon sie reden! Ich weiß, der sensible Mann mit der Kalashnikow hatte ja eigentlich nichts mit dem Islam zu tun, aber das spielt für „uns“ natürlich keine Rolle. Ebenso wenig übrigens wie die Tatsache, dass die vielen Terror-Opfer Bin Ladens natürlich ebenso kein Grab bekommen haben, das ihren religiösen Gepflogenheiten auch nur ansatzweise entsprochen hätte. Insofern kannst du davon ausgehen, dass „wir“ natürlich umgehend eine anständige Bestattung unter Berücksichtigung der islamischen Kultur organisieren würden. Und das freilich inklusive adäquater Trauerrede, die selbstverständlich nur ausgemachte Profis wie z.B. Peter Scholl-Latour, Udo Steinbach oder Michael Lüders halten würden!

Ebenso ekelig finden „wir“ auch euren Jubel, eure Selbstbeweihräucherung und euer Triumphgeheul. Wie widerwärtig, angesichts der Tatsache, dass hier ja schließlich ein Mensch (mit Gefühlen, Rechten und sogar Familie!) von uns gegangen ist! Was soll das? Wo bleibt denn da die christliche Nächstenliebe? Wie im Mittelalter! Pfui!
In Zeiten der Krise berufen „wir“ uns indes gerne auf die Kirche, die uns trotz ihrer Kinder schändenden Mitglieder immer dann als letzter Rettungsanker dient, wenn „wir“ unsere grenzenlose moralische Überlegenheit demonstrieren wollen. In der Konsequenz betrauern „wir“ diesen tragischen Todesfall zutiefst und setzen uns bereits für Gedenktage, Trauerminuten und eine alternative Pilgerstätte, bestenfalls zentral am Brandenburger Tor gelegen, ein. Übrigens verachten „wir“ dich und dein Gefolge dieser Tage in dem gleichen Maße, wie „wir“ es bislang auch bei euphorisierten Islamisten getan haben, die nach jedem Terroranschlag ausgelassen auf den Straßen Bagdads feierten. Dass ihr dabei die Unschädlichmachung eines Massenmörders, die anderen hingegen die Tötung unschuldiger Zivilisten zelebrieren, blenden „wir“ dabei geflissentlich aus. Würde ja auch so gar nicht in unser Weltbild passen.

Hätten „wir“ am vergangen Sonntag das Kommando übernommen, wäre die Welt eindeutig besser, schöner und friedlicher geworden. Osama hätte ein paar Monate auf Bewährung bekommen und danach weiterhin ein paar Massenmorde planen sowie unschuldige Menschen ins Jenseits befördern können. „Wir“ hätten es uns dabei im Fernsehsessel mit Chips und Bier gemütlich gemacht, brennende Hochhäuser inkl. verkohlter Leichen bestaunt und dabei das gute Gefühl gehabt, einen 54-jährigen Familienvater nicht bei seinem liebsten Hobby gestört zu haben. Du verstehst das jetzt sicher nicht (ich auch nicht!), aber wie gesagt – „wir“ in Deutschland finden jeden noch so grausamen Terroristen immer noch sympathischer als dich und dein Gefolge.

… das Schöne daran ist, dass dich „unsere“ Verachtung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mal sonderlich tangieren wird. Mach’ weiter so, God bless America!

In diesem Sinne

Mit aufrichtigem Dank und besten Grüßen

Deine (dem „wir“ nicht zugehörige) Amerika-Liebhaberin

Osama bin Laden, Familienvater und Terrorchef der Herzen. Das Gewehr diente lediglich zu dekorativen Zwecken.“

11 Antworten to “Fremde Feder: Dear Mister President, wie konnten Sie nur …?”

  1. yael1 Says:

    http://www.titanic-magazin.de/osama-bin-laden-kondolenzbuch.html

  2. Olaf Says:

    Yael, das ist wirklich Ihre Meinung?

    Dann gehöre ich Ihrer Meinung nach leider zu den „deutschen Spießbürgern“ über die Sie schreiben:

    — Zitat – Anfang –
    Das Gros der deutschen Spießbürger verabscheut eure Kriegstreiberei und euren schlampigen Umgang mit dem Gesetz nämlich zutiefst.
    — Zitat – Ende –

    Wer die Bilder aus den Vereinigten Staaten auf sich einwirken ließ, sieht wie sehr diese Anschläge die Amerikanische Gesellschaft traumatisiert haben. Nicht unbegreiflich, denn auch mir stehen die Bilder der Flugzeuge, die sich in das World Trade Centre in New York bohrten noch klar vor Augen.

    Die letzten zehn Jahre werden in den Geschichtsbüchern als das Jahrzehnt des Krieges gegen den Terror eingehen. Die Anschläge vom 11.September führten jedenfalls zu den grauenhaften Kriegen in Afghanistan und Irak, Kriege die die internationale Rechtsordnung auf grobe Weise aushöhlten und hunderttausende Opfer forderten.
    Ein Krieg dem man mit Recht die Frage stellen kann, ob er mehr Leid als Gutes gebracht hat. Denn so scheußlich der Anlass auch war, Afghanistan und Irak boten das Schlachtfeld, wo Extremisten ihren Kampf gegen den – in ihrem Augen – großen Satan führen konnten: ihre Anzahl wuchs und wuchs.

    Es ist genauso eine Frage inwieweit der Tod von Bin Laden eine definitive Wende sein soll. Terroristische Zellen haben die Eigenschaft keinen hierarchischen Apparat nötig zu haben, der sie anleitet. Im Gegenteil. Der fast in Vergessenheit geratene Bin Laden ist zum Märtyrer geworden und die Rache an seinem Tod beflügelt möglicherweise neue Generationen von Terroristen. Unsere moderne Gesellschaft ist und bleibt verwundbar, solange es Einzelpersonen gibt, die entschlossen sind, ihr eigenes Leben einzusetzen um Tod und Verderben zu sähen.

    Gerade deshalb setze ich meine Hoffnung weniger auf US-Militär-Aktionen sondern eher auf die Menschen in der Arabischen Welt, die nun gegen Unterdrückung aufstehen und die Zukunft in die eigene Hand nehmen wollen, mit Transparenten und friedlichen Demonstrationen statt mit Soldaten und Gewehren.

    Ein jahrelanger Mangel von Perspektiven auf ein besseres Leben und jahrzehntelange Unterstützung von Diktatoren, die ihre eigene Bevölkerung unterdrückten, bilden den Nährboden für antiwestlichen Terrorismus der nichts und niemanden verschont.

    Lasst uns daher Lehren aus der vergangenen Periode ziehen und die demokratischen Bewegungen in den arabischen Ländern, die protestierenden Bürger zum Beispiel in Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien und Jemen unterstützen. Sie sind die wahren und würdigen Streiter für eine menschenwürdige Zukunft. Nur so können wir das Jahrzehnt des Krieges gegen den Terrorismus hinter uns lassen und Raum geben für ein Jahrzehnt der Demokratisierung des Mittleren Ostens. Nur so nehmen wir Terroristen wie Bin Laden definitiv den Wind aus den Segeln.

    Sagt ein deutscher Spießbürger.
    Olaf.

    • yael1 Says:

      Der Artikel unterstützt meine Meinung und zeigt ganz gut auf, wie ich diese Diskussionen über den Tod bin Ladens verfolgen konnte.
      Ich kann mich aber ebenso in Ihrer Meinung widerspiegeln.

      Ob es wirklich um Demokratie, wie wir sie verstehen, in den betreffenden Staaten geht, wird aber erst die Zukunft zeigen.

  3. Olaf Says:

    Und noch ein Kommentar: (Jetzt ein Zitat aus der TAZ von heute:)

    http://www.taz.de/1/politik/asien/artikel/1/rache-fuer-bin-laden/

    — Zitat Anfang —
    SLAMABAD taz | Gut eine Woche nach der Tötung von Al-Qaida-Chef Osama bin Laden in Pakistan starben mindestens 80 Menschen bei einem Selbstmordattentat auf ein Trainingslager des pakistanischen Militärs, etliche wurden verletzt.

    Zwei Attentäter sprengten sich am Freitagmorgen vor einem Armeestützpunkt im nordwestlichen Charsadda in die Luft, als ein Teil der Rekruten gerade das Lager verließ. Die meisten Opfer der Explosionen waren Soldaten. Die pakistanischen Taliban erklärten, der Angriff sei ein Vergeltungsschlag für den Tod bin Ladens. Der Terrorist war am 2. Mai in seinem Versteck im pakistanischen Abbottabad von US-Spezialtruppen getötet worden.
    — Zitat Ende —

  4. yael1 Says:

    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/deutschland_wach_auf/

  5. Aristobulus Says:

    Ach Olaf, Sie glauben den pak. Talibanen, weil die sich brüsten, dass sie sich wegen des Osamas umbringen. Na, dieses sich Umbringen hat doch nur wieder derjenige ausgelöst, der den Osama umgebracht hatte, nicht? Also ist der Ami wieder an Allem Schuld.

    Übrigens wächst im Irak die Anzahl derer, die sich dort gegenseitig umbringen, immer und ständig, denn die bringen sich dort immer & ständig gegen- und wechselseitig um, Schiiten die Sunniten, Radikale die Radikaleren, Muslimbrüder die Baathisten, al-Kaida die Anderen usw. usf., Amerikaner da oder hier hin oder her, sie tun’s. Sie hingegen suggerieren, dass das es die US-Truppen gewesen seien: „Hunderttausende Opfer“. Die sind für Sie die Schuldigen. Einfach, wie?

    Und was ist eigentlich die „internationale Rechtsordnung“, wann stand sie als Gesetzestext oder als was auch immer?, und wer hat sie wann ausgehöhlt? Das könnten Sie mir erklären. Obgleich ich Ihre Antwort leider vorahne.

  6. Roithamer Says:

    Im Internet reicht es, andere Dokumente zu verlinken. Sie müssen nicht reinkopiert werden.
    Ich habe das Gefühl, Sie wollen die Diskussion, die sich in Jennifers Blog entfacht hat, hier zu Ihnen lenken. Guter Jpurnalismus sieht anders aus.

    • yael1 Says:

      Ich weiß wie das geht, keine Sorge und Sie müssen mir nicht das Internet erklären.
      Ich habe den ganzen Artikel mit voller Absicht reingestellt, natürlich mit dem Einverständnis der Autorin, weil mir der Artikel so gut gefallen hat. Aber wie wäre es mit fragen gewesen?
      Ihr Gefühl täuscht sie, ich habe nicht die Absicht vielleicht auch noch Trolle anzuziehen und ich es mag übrigens gar nicht, wenn man zum ersten Mal mit einem Kommentar daherkommt, der Unterstellungen beinhaltet.
      Ich bin übrigens keine Journalistin!, wie fast keiner der Blogger.

  7. aristobulus Says:

    Ja, reinplatzen und vorschreiben, wie hier „das Internet“ auszusehen habe und was ein Jornalist zu tun habe, seltsam.
    Woanders pflegt ja auch ein Roithamer zu schreiben, nicht?, aber der ist wohl sehr okay. Hingegen dieser hier riecht mehr nach Verkrümeln.

  8. aristobulus Says:

    Ui. Wem sagst Du das😀, Nachtigall

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