Erich Fromm über den Schabbat

Zweifellos ist der Sabbat eine, oder vielleicht sogar die zentrale Einrichtung der biblischen und rabbinischen Religion.
Er wird im Dekalog befohlen; er ist eines der wenigen religiösen Gebote, an denen die auf Reform bedachten Propheten nachdrücklich festhielten; er nimmt im rabbinischen Denken eine zentrale Stellung ein, und seit es das Judentum mit seinen traditionellen Gebräuchen gibt, war und ist er das herausragendste Phänomen der jüdischen Religionsausübung. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß die Juden zwei Jahrtausende der Verfolgung und Demütigung geistig und moralisch kaum überlebt hätten, wenn nicht selbst der Ärmste und Elendste unter ihnen an einem Tag der Woche sich in einen würdevollen und stolzen Menschen verwandelt hätte, wenn der Bettler an diesem Tag nicht zum König geworden wäre.
Um diese Behauptung nicht für eine grobe Übertreibung zu halten, muß man aber die traditionelle Feier des Sabbats in ihrer authentischen Forum miterlebt haben. Wer meint, er wisse was der Sabbat ist, weil er zugesehen hat, wie die Kerzen angezündet wurden, hat kaum eine Vorstellung von der Atmosphäre, die der traditionelle Sabbat ausstrahlt.
Der Grund, weshalb der Sabbat die zentrale Rolle im jüdischen Gesetz einnimmt, ist darin zu suchen, dass er der Ausdruck der zentralen Idee des Judentums ist: der Idee der
Freiheit; der Idee der vollkommenen Harmonie zwischen Mensch und Natur; zwischen Mensch und Mensch; der Idee der Vorwegnahme der messianischen Zeit und der Überwindung von Zeit, Traurigkeit und Tod durch den Menschen.

Rabbi Simeon ben Lakisch sagte: “ Am Vorabend des Schabbats gibt der Heilige, gelobt sei Er, dem Menschen eine zweite Seele, und am Ende das Schabbats entzieht er sie ihm wieder.“
(Bejza 16a)

Die zweite Seele, die wir am Schabbat erhalten, heißt Neschama Jetera.

Schabbat Schalom

Quelle: Erich Fromm: Ihr werdet sein wie Gott, S. 156f.

Advertisements

3 Antworten to “Erich Fromm über den Schabbat”

  1. Noa Says:

    schön. Danke, Yael. Ich musste beim Lesen der immerwiederkehrenden Worte FREIHEIT daran denken, dass uns oft der „Vorwurf“ gemacht wird: Aber ich brauche meine Freiheit, daher könnte ich nie den Shabbat halten. Diese ganzen Gebote und Verbote, machen einen doch unfrei. (auch nicht religiöse Juden argumentieren ja so, weil sie z.B. am Shabbat (auch hier in Israel) mit ihren Kindern in den Wald fahren möchten, um zu grillen….)
    Noa

    • yael1 Says:

      Das stimmt, aber das Freiheit auch heißt, sich nicht dem Diktat der Woche zu unterwerfen, verstehen leider viele nicht. Ich halte den Schabbat nicht streng ein, aber mal nicht immer erreichbar zu sein, nicht einkaufen oder anderes tun zu müssen, ist auch Freiheit. Wer das nicht kennt, weiß das nicht zu schätzen.

  2. Jacob P. Says:

    Wow! Da zitiert jemand doch tatsächlich eines meiner Lieblingsbücher (das hierzulande leider lange Zeit vergriffen war). Früher nannte ich mich einen Atheisten. Erich Fromm verdanke ich eine neue Perspektive auf Gott und den Glauben.

    Denn nach Fromm ist Gott „eine der vielen poetischen Ausdrucksweisen für den höchsten Wert im Humanismus und keine Realität an sich. (…) Als der Mensch ein fragmentarisches Wissen von der Möglichkeit hatte, daß man das Problem der menschlichen Existenz durch die volle Entwicklung der menschlichen Kräfte lösen könnte, als er das Gefühl hatte, er könnte dadurch zur Harmonie gelangen, daß er Liebe und Vernunft voll entwickelte, anstatt den tragischen Versuch zu unternehmen, zur Natur zu regredieren und die Vernunft auszulöschen, da gab er dieser neuen Vision, diesem X, viele Namen: Brahman, Tao, Nirwana oder Gott. (…) Im Nahen Osten fand dieses X seinen Ausdruck in der Vorstellung von einem höchsten Stammeshäuptling oder König, und so wurde ‚Gott‘ zum höchsten Begriff des Judentums, des Christentums und des Islam, die in den Gesellschaftsstrukturen dieses Kulturraums wurzelten. In Indien konnte der Buddhismus das X in anderen Formen ausdrücken, so daß hier keine Vorstellung von Gott als dem obersten Herrscher notwendig war.“ Für Erich Fromm bedeutet die „Verehrung des einen Gottes … die Negierung der Verehrung von Menschen und Dingen.“ (Zitiert aus dem o.g. Buch)

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: