„Unbesungene Heldin“ Hedwig Porschütz

Die Überschrift „Unbesungene Heldin“ passt selten so zum Schicksal eines Menschen wie das von Hedwig Porschütz.

Hedwig Porschütz gehörte zum engeren Kreis des Bürstenfabrikanten Otto Weidt, der in seiner Blindenwerkstatt am Hackeschen Markt in Berlin Mitte eine Bürstenfabrik für Blinde leitete.
Um seine Fabrik herum entstand während der Nazizeit ein Netzwerk von HelferInnen, die verfolgten Juden und Jüdinnen halfen zu überleben. Die HelferInnen standen verfolgten Juden bei, sie vermittelten ihnen Verstecke und versorgten sie mit Nahrung.
Hedwig Porschütz war eine dieser HelferInnen.

Hedwig Porschütz wurde 1900 geboren und und arbeitete unter anderem bei mehreren Firmen im Büro.
Sie war mit dem Kraftfahrer und Chauffeur Walter Porschütz verheiratet.
H. Porschütz arbeitete seit den 20er Jahren auch als Prostituierte. Ob sie das aus wirtschaflicher Not heraus tat, ist bis heute unbekannt.

Anfang November war ich zur feierlichen Übergabe einer Gedenktafel zu Ehren der „Stillen Heldin“ Hedwig Porschütz im Museum der Blindenwerkstatt Otto Weidt, bei der unter anderem Inge Deutschkron ein paar Worte sprach, da ihr Hedwig Porschütz, während Inge Deutschkron untertauchen musste, ein legales Arbeitsbuch besorgte. Die Gedenktafel wird später in der Feurigstraße 43 in Schöneberg angebracht, da das Haus zurzeit noch saniert wird.

Hedwig Porschütz half vielen Juden während der Nazizeit, sie bot unter anderem Verfolgten eine Unterkunft und half mit Lebensmitteln, sie vermittelte auch andere Verstecke, unter anderem bei ihrer Mutter in Berlin Schöneberg und unterstütze Otto Weidts Hilfsaktionen für gefangene Juden in Theresienstadt.

In ihrer Berliner eineinhalb-Zimmer-Wohnung an der Alexanderstraße 5 (die Wohnhäuser wurden während des Krieges zerstört, heute befindet sich dort das Einkaufszentrum Alexa) nahm sie von Januar bis zum Sommer 1943 die Zwillinge Marianne und Anneliese Bernstein auf. Im März 1943 versteckt sie auch Grete Dinger und deren Nichte Lucie Ballhorn in ihrer Wohnung.

Die Hilfen, die H. Porschütz den verfolgten Juden und Jüdinnen gab, konnte sie nur über Schwarzmarktaktivitäten leisten.
Im Juni 1944 fand bei ihr eine Hausdurchsuchung durch die Polizei statt. Einer ihrer Bekannten wurde festgenommen, als er versuchte Fleischmarken, die er durch H. Porschütz erhielt, in Fleischereien einzutauschen.
Im Oktober 1944 wurde H. Porschütz zu 1 Jahr und 6 Monaten Zuchthaus verurteilt.
Sie verbrachte diese Zeit im Zuchthaus Jauer und dem deutschen Arbeitslager „Ermannsdorf-Zillertal“.

Der Grund weshalb ich darüber so ausführlich berichte, bezieht sich vor allem auf die Nachkriegszeit und der Verweigerung der Bundesrepublik Deutschland und Berlin H. Porschütz als politisch Verfolgte anzuerkennen.

Die Begründung der Ablehnung liest sich heute wie Hohn:

„Deshalb ist auch der Verkehr mit jüdischen Menschen, der Abschluss von Geschäften mit ihnen oder ihrem Interesse wie auch die ihnen gewährte persönliche Hilfeleistung und Beratung, sei es im Rahmen des Berufs, sei es auf Grund persönlicher Freundschaft, kein Widerstand gegen des Nationalsozialismus, da solche Taten nicht geeignet sind, ein Regime zu unterhöhlen.“

Das Entschädigungsamt bezog sich tatsächlich auf das Naziurteil von 1944. In einem Vermerkt des Amtes findet sich folgendes Zitat:

„ Aus diesem (dem Urteil von 1944, Anm. der Autorin) geht zwar hervor, daß die Ast (Antragstellerin) wegen Kriegswirtschaftsvergehen zu 1 Jahr und 6 Mon. Zuchthaus und 2 Jahren Ehrverlust verurteilt wurde. Jedoch geht aus der Begründung des Urteils hervor, daß die Begleitumstände auf ein derart niedriges sittliches und moralisches Niveau schließen lassen, daß auch bei einer in diesem Fall sowieso aus sachlichen Gründen nicht erfüllten Voraussetzung für eine Anerkennung diese nicht gegeben wäre. Die Anerkennung als PrV stellt ein Ehrendokument dar und kann nur für entsprechende Persönlichkeiten ausgestellt werden.“

Auch die Ablehnung der Anerkennung als „Unbesungene Heldin“ ist ein Skandal und zeigt gleichzeitig auf, wie tief die Nachkriegsgeneration noch im Geiste des Nationalsozialismus verstrickt war.

Die Sachbearbeiterin stellte folgendes fest:

„Frau Porschütz käme für eine Anerkennung aus der Aktion „Unbesungene Helden“ ohne weiteres in Frage, wenn nicht aus Begründung zum Urteil vom 10.Oktober 1944 nicht hervorginge, daß die Begleitumstände zur Beschaffung der Lebensmittel nicht auf ein derart niedriges sittliches moralisches Niveau der Frau Porschütz schließen lassen (…) Die Antragstellerin ist in früheren Jahren gewerbsmäßig der Unzucht nachgegangen und hat auch bis zu ihrer Verurteilung im Jahre 1944 trotz ihrer Ehe wahllos Umgang mit fremden Männern unterhalten.“

Interessant ist in diesem Zusammenhang nicht nur, dass sich die Bundesrepublik nicht nur auf ein Naziurteil bezog, sondern dass das damalige Urteil von „wahllos Umgang mit Männern“ spricht, aber eine Sachbearbeiterin nach dem Krieg ein „wahllos Umgang mit fremden Männern“ machte.

H. Porschütz erfuhr nie den Grund für die Ablehnung, so dass sie nie eine Chance hatte, die Darstellung des Sondergerichts Berlin von 1944 zu widerlegen.
Beide Ablehnungen bezogen sich auf dieses Urteil, auf ihren „unsittlichen Lebenswandel“.

H. Porschütz verbrachte ihre letzten Lebensjahre in großer Armut. Sie starb im März 1977.
Man muss sicher nicht erwähnen, dass die damaligen Richter des Sondergerichts nie belangt wurden und ihre Karrieren in der BRD fortsetzen konnten.

Viele Deutsche sagen immer wieder, sie haben mit den Verbrechen der Nazis heute nichts mehr zu tun!
Haben wir aber auch nichts damit zu tun, dass H. Porschütz heute noch als rechtskräftig verurteilte Kriminelle gilt? Denn das Urteil ist heute noch gültig. Die „Kriegswirtschaftverordnung“ auf Grund dessen H. Porschütz verurteilt wurde, fällt nicht unter jene Urteile, die der deutsche Bundestag 1998 aufgehoben hatte.

Der Verein „Blindes Vertrauen“ hat bei der Berliner Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Aufhebung des Urteils gestellt. Eine Entscheidung darüber steht noch aus.

Es ist gut und ermutigend, dass es Deutsche gibt, die sich auch heute noch der Verantwortung der deutschen Vergangenheit stellen, ohne es sich bequem zu machen und zu sagen, sie hätten damit nichts zu tun, um sich auch auf diese Weise der Geschichte zu entledigt.

(Hervorhebungen von mir).

Quelle: Prof. Dr. Johannes Tuchel: Hedwig Porschütz; Die Geschichte ihrer Hilfsaktion für verfolgte Juden und ihrer Diffamierung, Berlin 2010

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Eine Antwort to “„Unbesungene Heldin“ Hedwig Porschütz”

  1. Yael Says:

    Am Dienstag den 13. November 2012 um 14 Uhr wird
    in der Feurigstraße 43 in Berlin-Schönberg eine „Berliner Gedenktafel“ zu Ehren der „Stillen Heldin“ Hedwig Porschütz enthüllt werden.

    „Der Verein „Blindes Vertrauen“ hat bei der Berliner Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Aufhebung des Urteils gestellt. Eine Entscheidung darüber steht noch aus. “

    Dieses Urteil wurde endlich in diesem Jahr aufgehoben.

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