Juden unerwünscht

Der Ferienort Serfaus in Tirol hat es in sich. Leider nicht das erste Mal.

Es ist zehn Minuten nach Mitternacht, als Leonard Norten* die »Wellness-Residenz Schalber« betritt. Er macht Urlaub und will sich ein Zimmer des Fünf-Sterne-Hotels in Serfaus in Tirol anschauen. Sein Schwager begleitet ihn an diesem Sommerabend, die beiden Männer tragen weiße Hemden, schwarze Anzughosen und kreisförmige Kappen auf dem Hinterkopf – Kippas, die Juden zum Beten aufsetzen, orthodoxe Juden auch im Alltag.

Am Empfang steht Sebastian Lehmann, der Nachtportier. Er ist späten Besuch gewohnt, täglich bekommt er deshalb eine Liste mit drei bezugsfertigen Zimmern, die er an unangemeldete Gäste vergeben kann. Als er die Männer zum Fahrstuhl führt, um ihnen eines der Zimmer zu zeigen, stellt sich der Barchef in den Weg: »Raus. Der Chef sagt, die müssen raus«, sagt er bestimmt. Dann läutet das Telefon an der Rezeption. Vom Handy aus meldet sich Alois Schalber, der Hotelchef. Er hat das Hotel genau in dem Moment verlassen, als die beiden orthodoxen Juden es betraten. »Sind die jetzt draußen?«, schreit er wütend, »ich will hier keine Juden haben.«

Leonard Norten, 26, und sein Schwager werden aufgefordert, das Hotel zu verlassen. Sie ziehen fassungslos ab. Norten ist in Österreich geboren, als er zwei Jahre alt war, zogen seine Eltern nach Antwerpen. Viele seiner Verwandten wurden nach Auschwitz deportiert. Für Sebastian Lehmann, den Nachtportier, hat der Vorfall ein Nachspiel. Am nächsten Tag wird ihm gekündigt.

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2 Antworten to “Juden unerwünscht”

  1. markus Says:

    Ein trauriger Vorfall, der leider noch nicht mal ein Happy Ending hatte.

    Weil Sebastian Lehmann keine Vorurteile hatte und alles richtig machen wollte, wurde ihm gekündigt.

    Leider gibt es in jeder Stadt einen „Alois Schalber“.

    Doch eines Tages wird er sich vielleicht wundern, warum die Leute nicht mehr in die „Wellness-Residenz Schalber“ wollen.

    Wenn es ihm schlecht geht, wird er vielleicht einmal an die Türen menschlicher Herzen klopfen. Schmerzlich wird ihm dannn vielleicht bewusst, dass ER diesmal draußen bleiben muss…

  2. Andreas Moser Says:

    Traurig. Erinnert mich an „Focus“ von Arthur Miller, ein lesenswertes Buch.

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