Acharei-Kedoschim – Die Liebe zu G-tt und den Mitmenschen

Liebe deinen Nächsten

von Dr. William Stern

Dieser Wochenabschnitt enthält das Gebot, das große Berühmtheit erlangt hat: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lev. 19, 18). Für den modernen Menschen hört sich diese Ermahnung manchmal nur wie ein frommer Wunsch an, ohne tiefere Bindung an die Realität des Lebens. Er denkt: „Wie kann erwartet werden, dass man eine Person trotz ihrer augenfälligen Unzulänglichkeiten wirklich liebt?“

Ein Heide kam einst zu dem berühmten Hillel mit dem Ersuchen, ins Judentum aufgenommen zu werden (Schabbat 31a). „Lehr mich die Tora, während ich auf einem Fuße stehe.“ verlangte er. Der weise Hillel erwiderte: „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu. Dies ist die ganze Tora, alles übrige ist Kommentar. Jetzt geh‘ hin und lerne!“

Hillel zog es vor, die Vorschrift der brüderlichen Liebe in negativer Form auszudrücken: „Tue nicht anderen an, was dir selbst verhasst ist.“ Weshalb lehrte er ihn nicht dieses Gebot in der einfachen, positiven Form, wie es in der Tora steht: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“?

Sidra Acharei Mot

Die Vorschriften für Jom Kippur, diesem grossen, weissen Fasttag, an dem sich jeder Jude von seinen Sünden reinigt, bilden das Abschlussthema zu den Reinheitsvorschriften, die in dem Abschnitt dieser Woche beendet werden.

Deinen Nächsten lieben, wie dich selbst

Trotz seiner Vertrautheit ist dieser Text in Formulierung und Inhalt rätselhaft. Zuerst ist er der menschlichen Natur entgegengesetzt. Der Mensch ist, wie unsere Weisen feststellten, sich selbst am nächsten. Rabbi Akiva formulierte diese fundamentale menschliche Charakteristik als religiöse Regel: „Dein Leben hat vorrang vor dem deines Mitmenschen.“ Wie kann dann die Tora verlangen, daß wir unseren Nächsten wie uns selbst lieben, ohne Rücksicht auf seine Handlungen? Raschbam beantwortet diese Schwierigkeit, indem er die Anwendung des Textes limitiert:

„Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst“ – wenn dein Nächster gut ist, aber wenn er böse ist: „Die Furcht des Ewigen ist der Abscheu vor dem Bösen.“
(Sprüche 8, 13)

Mit anderen Worten: liebe alle Menschen, die sich wie Menschen benehmen.

Schabbat Schalom!

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