Jüdisches Leben in Berlin-Wilmersdorf während der Zeit des Nationalsozialismus

Ich habe eineinhalb Jahre an der Vorbereitung für eine Dauerausstellung, die sich „Orte jüdischen Lebens/nationalsozialistische Einrichtungen in Wilmersdorf“ nennt, mitgewirkt und dafür recherchiert. Das ist der Arbeitstitel, wie die Ausstellung heißen wird, ist noch offen. Die Ausstellung wird im Schoelerschlösschen zu sehen sein. Wann genau steht noch nicht fest, wahrscheinlich in diesem oder nächsten Jahr.
Mein Schwerpunkt lag beim Recherchieren jüdischen Lebens in Wilmersdorf von 1933 bis 1945. Bilder kann ich leider aus Urhebererrechtsgründen nicht einstellen.
1933 leben ca. 160 000 Juden in Berlin (rund ein Drittel der Juden in Deutschland, ca. 4% der Stadtbevölkerung).
Im Bezirk Wilmersdorf ist der jüdische Bevölkerungsanteil mit 14% (ca. 27 000) am höchsten von Gesamt-Berlin.

Jüdische Einrichtungen in Wilmersdorf gab es unzählige. Ich werde einige hier vorstellen.

Jüdische Schulen

Zum Beispiel gab es in Wilmersdorf sechs private Schulen sowie eine nicht-private Schule.

In Berlin-Wilmersdorf gab es sechs private Schulen sowie eine nicht-private Schule:

– Volksschule Prinzregentenstraße 69/70 und (Fasanenstraße 79/80/ Charlottenburg)

– Private Waldschule Kaliski (Grund- und Oberschule), zunächst Bismarckallee 35/37, ab 1936 Dahlem, Im Dohl 2/6

– Jüdische Privatschule Dr. Leonore Goldschmidt (Ober- und Grundschule, Internat), Grunewald, Hohenzollerndamm 110a

– Höhere jüdische Privatschule Dr. Vera Lachmann (Oberschule), Grunewald, Jagowstraße 35

– Private jüdische Waldschule (von 1932 an „Schule am Roseneck“), Toni Lessler- Schule (Oberschule), Grunewald, Hagenstraße 56. Im Jahre 1936 wurde das benachbarte Grundstück zu Schulzwecken in der Kronenberger Straße 18 angemietet

– Höhere Privatschule von Frau A. Pelteso(h)n (Grund- und Oberschule), Pariser Straße 4

– Höhere Privatschule für Knaben und Mädchen von Luise Zikel. (Sie wurde am 25.01.1942 deportiert und in Riga ermordet, geboren wurde sie 1878) , Kufsteiner Straße 16 (Grundschulklassen)

Auf die höhere Privatschule von Anna Pelteson gehe ich näher ein.

Höhere Privatschule von Frau A. Pelteson (Grund- und Oberschule), Pariser Straße 4

Anna Pelteson wurde am 13.01.1868 in Posen geboren. 1884 übersiedelte sie nach Berlin, wo sie 1884 eine Ausbildung zur Lehrerin am Privatseminar von H. Böhm in der Invalidenstraße begann und die Prüfung 1886 für die mittlere und höhere Mädchenschule bestand. Im selben Jahr hielt sie sich in England auf. 1887 war sie als Privaterzieherin und Lehrerin tätig. 1891 hielt sich A. Pelteson erneut in England auf und kehrte 1897 nach Berlin zurück. Im selben Jahre gründete sie in der Wichmannstraße 18 ein „Institut zur Beaufsichtigung und Erziehung von Schulmädchen“, aus dem ihr privater Schulzirkel entstand. 1901 legte sie die Prüfung zur Schulvorsteherin ab und zog 1901 mit ihrer Schule in die Motzstraße. 1903 konvertierte sie zum evangelisch- lutherischen Glauben.
Im Jahre 1903 wurden 38 jüdische und 16 christliche Mädchen unterrichtet. Pelteson selber unterrichtete Englisch, Französisch, Deutsch und Gesang. Zum Institut gehörten ein Pensionat, ein Kindergarten sowie eine Grundschule für Knaben.
1912 erfolgte der Umzug in die Pariser Straße 4. Der Eigentümer des Hauses war Manes Tennenbaum. Im ersten Obergeschoss befand sich die Schule, die aus 6 Räumen bestand. Später kam im Erdgeschoss eine Privat-Synagoge hinzu.
Die ehemalige Schülerin Sigwina Frfr. von Geyso beschrieb Anna Pelteson als „würdevolle Dame“. Die Klassen umfassten jeweils 15 Schülerinnen, berichtet von Geyso weiter, die unterschiedlicher Herkunft waren: Bankiers, Kaufleute, Rechtsanwälte, Ärzte usw. Von Geyso bezeichnete Peltesons Schule als eine, bei der man viel lernen konnte.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten durften an der Schule nur noch jüdische Kinder unterrichtet werden, das Pensionat wurde kurz danach aufgelöst. 1937 unterrichteten 11 LehrerInnen und A. Pelteson an der Schule, wobei 6 Lehrerinnen in diesem Jahr entlassen wurden. Von diesen LehrerInnen wurden zwei während der Shoa in Riga bzw. Auschwitz ermordet.
Im Oktober 1938 wurden die Räume in der Pariser Straße gekündigt, die Schule im gleichen Jahr aufgelöst.
Privat lebte A. Pelteson seit 1935 in der Uhlandstraße 114/115. Dort wohnte sie mit 5 anderen Jüdinnen und ihrer Schwester Jenny in einer 7-Zimmer-Wohnung.

Am 14. September 1942 wurde A. Pelteson zusammen mit ihrer Schwester nach Theresienstadt deportiert. Anna Pelteson starb dort an ihrem Geburtstag am 13.01.1943.

(Unterlagen und Bilder kann man im Heimatmuseum Charlottenburg-Wilmersdorf einsehen)

Synagogen

In Wilmersdorf existierten zwei Gemeindesynagogen (Synagoge in der Markgraf-Albrecht-Straße 11), genannt der „Friedenstempel“, und die Synagoge in der Prinzregentenstraße 69/70 sowie zwei Privatsynagogen (in der Franzensbader Straße 7-8) und die liberale Synagoge (Pariser Straße 1).

Daneben gab es den Israelitischen Religionsverein Wilmersdorf (Schaperstraße 33) und den Synagogenverein Grunewald e.V. (in der Jagowstraße 34, heute Richard-Strauss-Straße).

Die Synagoge in der Franzensbader Straße hatte circa 400 Plätze und wurde 1923 am jüdischen Neujahrstag durch den „Synagogenverein Grunewald“ eingeweiht. Während der Pogromnacht am 9./10. November 1938 wurde die Synagoge in Brand gesteckt und zerstört. Im Februar 1941 kaufte das Grundstück mit der Ruine eine Berliner Wohnbau-GmbH. Kurz danach erfolgte der Abriss der Ruine. Im April 1941 wurde auf dem Gelände ein Gemüsestand errichtet.

Der so genannte Friedenstempel in der Markgraf-Albrecht-Straße 11 ist am 9. September 1923 mit 1450 Plätzen eingeweiht worden. Die Synagoge hatte eine liberale Ausrichtung, wobei zusätzlich in einem Nebengebäude wochentags und am Schabbat ein rein orthodoxer Gottesdienst angeboten wurde. Rabbiner Joachim Prinz predigte unter anderem auch in dieser Synagoge. Er konnte 1937 noch in die USA emigrieren, nachdem er mehrfach von der Gestapo verhaftet worden war. Der berühmte Kantor Manfred Lewandowski fungierte im Friedenstempel als Oberkantor. Wie alle anderen Synagogen in Wilmersdorf wurde auch diese Synagoge während der so genannten Reichskristallnacht erheblich beschädigt. Zwei jüdischen Jungen (David Zwingerman – heutiger Name Hamilton – und Horst Löwenstein) gelang es, zwölf Thorarollen aus der Ruine zu retten. Beide brachten die Thorarollen zu einem jüdischen Teehändler (englischer Herkunft) in Sicherheit und gaben sie später der Jüdischen Gemeinde in Berlin zurück. Nach dem Krieg (1959) wurde die Ruine abgetragen.

Die Synagoge in der Prinzregentenstraße 69/70

Das Grundstück in der Prinzregentenstraße kaufte die Jüdische Gemeinde im Jahre 1913.
Die Planung der Synagoge begann 1920, ab 1922 erhielt der Gemeindearchitekt Alexander Beer den Auftrag, einen Entwurf auszuarbeiten. Beer sah eine langgestreckte Bethalle bis kurz vor der Rückseite der Bebauung an der Babelsberger Straße vor.
Auf Grund der Bauordnung von 1925 machte die Baupolizei die Baugenehmigung vom Einverständnis der Hauseigentümer der Babelsberger Straße abhängig. Die Zustimmung war aber mit derart großen Auflagen verbunden, dass sich die Gemeinde entschloss, einen neuen Bauplan zu entwerfen zu lassen.
Die projektierte lange Bethalle wurde verworfen und stattdessen ein runder überkuppelter Zentralbau geplant. Innerhalb der Jüdischen Gemeinde gab es Streit über die religiöse Ausrichtung der Synagoge. Schließlich wurde eine liberale Ausrichtung beschlossen: Mit einer Orgel (Orgelbaufirma G.F. Steinmeyer & Co.) und ohne gesonderte Empore für Frauen.
1929 gründete sich der Synagogenverein Prinzregentenstraße e.V.
Sein Ziel:
„Der Verein bezweckt die Pflege des religiös-liberalen Gedankens und der Förderung insbesondere innerhalb der Synagoge Prinzregentenstraße, und die Zusammenfassung der Synagogenbesucher zu geselligen und gemeindepolitischen Zwecken.“

Am 16. September 1930 fand die Einweihung der Synagoge statt. Die Synagoge bot 2300 Besuchern Platz und war damit die größte Synagoge im Bezirk Wilmersdorf. Im Gebäudetrakt gab es eine Religionsschule sowie ab 1933 die Parallelklassen der 4. Volksschule der Berliner Jüdischen Gemeinde. Die Synagoge enthielt ebenso eine Zweigstelle der Wohlfahrts- und Jugendfürsorge der Jüdischen Gemeinde. Der Rabbiner der Synagoge war Manfred Swarsensky, der Vorsitzende des Gemeindevorstandes hieß Georg Kareski.
Organist der Synagoge von 1935-1938 war Werner Baer. Er emigrierte im Dezember 1938 nach Singapur.
Seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten fanden regelmäßig Konzerte und Veranstaltungen zur Unterstützung arbeitslos gewordener jüdischer Künstler statt. Es zeigte sich ein geistiger Widerstand, der durch die Nationalsozialisten nie völlig gebrochen werden konnte.
In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge von SA-Trupps zum größten Teil zerstört. Die Hitlerjugend half der SA das Gelände abzusperren.
Der Rabbiner Manfred Swarsensky beschrieb die Folgen des Brandes durch die Nationalsozialisten:

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 weckte mich ein Anruf des Kastellans aus tiefem Schlaf, der ins Telefon schrie: >Die Synagoge brennt!< Ich sprang aus dem Bett und rannte zur Synagoge. Der Innenraum stand in hellen Flammen, die bis zu der hohen Kuppel emporzüngelten. Gotteslästerer und Ungläubige jener Tage vernichteten in dieser Nacht über 200 Synagogen in ganz Deutschland.
(Quelle: Monika Schmidt: „Arisierungspolitik des Bezirksamts“, Seite 218 in Bezirksamt Wilmersdorf von Berlin (Hg): Kommunalverwaltung unterm Hakenkreuz, Berlin Wilmersdorf 1933-1945, Berlin 1992)

Karl Heinrich Paulmann, der am 10. November heimlich die Synagoge fotografierte, berichtete nach dem Krieg, dass SA-Trupps die Synagoge sperrten und Menschen, die dort stehen blieben, verjagte. Außerdem berichtete er, dass die Prinzregentenstraße (vorn) von SA wimmelte und niemand auch nur in die Nähe kommen konnte, und dass die Synagoge noch brannte ( Quelle: Synagogen in Berlin Teil 1, Berlin Museum, Berlin 1983, Seite 78).

1939 musste der Erbauer Alexander Beer (1944 in Theresienstadt ermordet) auf Anweisung der Behörden den Abriss des Gebäudes verfügen. Im Jahre 1941 wurde die Jüdische Gemeinde gezwungen, das Grundstück für 160.000 Reichsmark zu verkaufen. Der Wert war Anfang 1938 mit über einer Million Reichsmark beziffert worden.
1956 erwarb die Stadt Berlin das Gelände (im Rahmen eines Vertrages zwischen der Jewish Trust Corporation und der Stadt Berlin). Die Ruine wurde 1958 unter großen technischen Schwierigkeiten abgetragen. Der Allgemeine Blindenverein Berlin errichtete 1958 auf dem Gelände 70 blindengerechte Wohnungen.

Heute befinden sich auf allen oben genannten ehemaligen Synagogengeländen Wohnhäuser.

Atelier Yva-Photographie (Mode – und Werbefotographin

Die Fotografin Yva hieß mit bürgerlichen Namen Else Ernestine Neuländer. Ihr Atelier befand sich in der Schlüterstraße 45 in Wilmersdorf. Else E. Neuländer wurde im Jahre 1900 geboren. Ihr Atelier Yva befand sich von 1930 bis 1934 in der Bleibtreustraße 17.
1934 heiratete sie Alfred Hermann Simon und bezog die neuen Atelierräume in der Schlüterstraße 45. Unter anderem lernten bei Yva Helmut Newton und der Neffe William Godwin das fotografische Handwerk. Im Jahre 1938 musste das Atelier geschlossen werden. Die letzte Adresse des Ehepaares lautete Bamberger Straße 49. Beide mussten Zwangsarbeit leisten. Else E. Neuländer und ihr Ehemann wurden am 13.06.1942 in das Vernichtungslager Sobibór in Polen deportiert und dort ermordet (der genaue Todeszeitpunkt ist nicht bekannt.)
Heute befindet sich im ehemaligen Atelier Yva das Hotel Bogota. Der Inhaber des Hotels – Joachim Rissmann – sammelt heute die Werke der Künstlerin Yva. Eine Vitrine ihrer Werke steht am Kurfürstendamm.
Vor dem Hotel Bogota erinnern zwei Stolpersteine an Yva und ihren Ehemann.

Es gebe noch viel mehr zu schreiben, aber das würde den Rahmen hier extrem sprengen. Wer möchte kann die Ausstellung bald im Berliner Schoelerschlösschen besichtigen.

10 Antworten to “Jüdisches Leben in Berlin-Wilmersdorf während der Zeit des Nationalsozialismus”

  1. Bindel Says:

    Kannten Sie jemanden, der vor 1945 in der Prinregentenstrasse 1, Berlin Wilmersdorf, wohnte und den Holocaust nicht überlebt hat?

  2. yael1 Says:

    Ich persönlich? Nein. Suchen Sie jemanden?

  3. Lowitsch Says:

    Wilmersdorf,Zähringerstraße 17. 1932 wohnen dort der jüdische Kaufmann Leo Lowitsch und seine Ehefrau Else (geb. Siegmann): Tochter Vera hat noch 1933 als Juristin promoviert („Die Frau als Richter“)!Sind sie an weiteren Informationen interessiert,dann bitte Info an meine Mail-Adresse!
    Ich bin darüber hinaus natürlich an allen Details zum Leben der Familie (Freunde, Bekannte…)interressiert.
    Mit freundlichen Grüßen
    M. Lowitsch

  4. Mishehu Says:

    Wäre schön, wenn Du noch einen kurzen Artikel schreibst, wenn die Ausstellung startet (dann bekomme ich automatisch eine E-Mail über Deinen Newsletter).

    Ich sehe gerade, dass Dein Beitrag schon etwas älter ist. Wird die Ausstellung wiederholt?

  5. yael1 Says:

    Die Ausstellung hat noch nicht stattgefunden. Wenn es soweit ist, bekomme ich eine Nachricht, die ich dann auch weiter gebe. Es wird auch eine Dauerausstellung sein.

  6. helmut Says:

    Ich ging mit meiner swester Susi in die zikelschuhle im jahre 1935

    wohnte in der bandenschestrasse54
    lebe jetz in Uruguay/Montevideo

  7. Lowitsch Says:

    Ich habe die Nachricht vom 1. Oktober leider erst jetzt gelesen. Die gefundenen Daten kenne ich – trotzdem Dankeschön- letztere (Forum Danzig-Gdansk)betreffen nachweislich meine Familie. Zu der Familie Lowitsch aus Wilmersdorf sei noch angemerkt, dass der Bruder von Else Siegmann wesentlich am Aufbau der Straßenbahngesellschaft und vieler Kulturprojekte in Rostock beteiligt war. Er verhungerte in Theresienstadt.

  8. Yael Says:

    Heute wurden zwei Stolpersteine für Anna Pelteson und ihrer Schwester Jenny vor deren ehemaligen Wohnung in der Uhlandstraße 114/115 verlegt.

    http://cdu-wilmersdorf-nord.de/index.php?ka=1&ska=1&idx=30402

    Am Haus der ehemaligen Schule von A.Pelteson (Pariser Straße 4) erinnert mittlerweile eine Tafel an ihre Schule.

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