Über: Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Entschlussbildung und Verwirklichung von Eberhard Jäckel

Heute möchte ich über ein eher unangenehmes Thema schreiben, das immer wieder Diskussionen hervorruft. Es geht um die, immer noch historisch umstrittene, Diskussion wann die Nationalsozialisten sich entschlossen haben, alle europäischen Juden zu ermorden: Die so genannte Entschlussbildung.

Vor meinem Geschichtsstudium (Nebenfach) habe ich mir darüber auch schon viele Gedanken gemacht und da ich darüber mehr erfahren wollte, habe mich damals für dieses Thema in meiner schriftlichen Prüfung entschieden.

In der historischen Diskussion gibt es zwei sehr unterschiedliche Interpretationen bzw. Herangehensweisen, die ich – kurz angerissen – vorstellen möchte. Vielleicht interessiert es den einen oder den anderen.
Die erste Interpretation nennen Historiker den personalistisch bzw. den intentionalistischen Ansatz.

Hierbei gehen Historiker davon aus, dass Hitler schon in den 20er Jahren seinen Entschluss zur Judenvernichtung gefasst hat. Es wird ein kausaler Zusammenhang zwischen Ideologie, Planung, politischen Entscheidung und Ausrottungsmaßnahmen hergestellt.

Prominente Vertreter dieser Theorie sind unter anderem folgende Historiker: Hildebrandt, Jäckel und Hillgruber. Sie gehen von einer zentralen Rolle Hitlers an der „Endlösung“ aus.

Der zweite Ansatz dieses Themas wird der Strukturell-funktionalistische Ansatz genannt.

Hitler erscheint bei dieser Theorie nicht mehr als die alles bewegende und motivierende Kraft, sondern als „deren radikaler Exponent“. Jedoch werden bei Hitlers stets vollzogene und garantierende Legitimation des Mordens keine Abstriche gemacht. Im Mittelpunkt stehen die mittleren und unteren Führungsränge, die jeweils in die Entscheidung mit eingebunden waren. Der Ideologie und der jeweiligen Initiativen wird der zwingende Charakter in Frage gestellt. Auch die Fähigkeit, langfristig und zielgerichtet von einem geschlossenen Führungszentrum zu planen, befehlen und zu handeln wird in Frage gestellt. Weniger Hitler steht im Mittelpunkt als die inneren Strukturen und Funktionsweisen des NS-Regimes. Die Mordhandlungen erscheinen kriegsbedingt oder improvisiert und kurzfristig geplant. Die physische Vernichtung schien relativ spät, nicht vor Ende 1941, beschlossen worden zu sein.
Der Mord an den europäischen Juden geschah durch Gerangel um Macht und Einfluss konkurrierender Gruppen. Es gab keine langfristige Planung, sondern eine Serie von „Ad-hoc-Aktionen“, ohne dass Hitler alle Schritte befohlen oder überwacht hätte.

Vertreter dieser Theorie sind beispielsweise die Historiker Martin Broszat und Hans Mommsen.

Beide bestreiten, dass es überhaupt einen förmlichen Befehl Hitlers gegeben habe, da die Mordmechanerie keines Anstoßes bedurfte. Einmal in Gang gesetzt, entfaltete die Vernichtung der „Arbeitsunfähigen“ eine eigene Dynamik -> „mörderischer Automatismus“. Kritik wurde daran jedoch laut, da Mommsen Hitler als „schwachen Diktator“ hinstellte und diesen zu sehr aus dem Blick verliere. Die Theorie stellte jedoch gegenüber der personalistischen Sichtweise einen Fortschritt dar, da die Vernichtung als ein Stück deutscher Gesellschaftsgeschichte gesehen wird und verteilt die Verantwortung auf viele Schuldige. Innerhalb der deutschen Gesellschaft habe sich die Ermordung bestimmter sozialer und anderer Gruppen durchgesetzt, die die spätere Massenvernichtung erklärt. Broszat ist der Meinung, dass die Vernichtung nicht durch einen einmaligen Akt geschah, sondern „stück-und schubweise“ erfolgte. Er ist ebenso der Meinung selbst die Deportation nach dem Osten stellte noch keinen Vernichtungswillen dar, sondern die physische Vernichtung sieht er als „Ausweg aus der Sackgasse“, in die sich die Nazis selbst manövriert haben. Die Liquidationspraxis erhielt ein dominantes Gewicht, bis hin zum Massenmord.

Jedoch sehen sich die Vertreter dieses Ansatzes vor dem Dilemma keine ausreichenden Quellen vorweisen zu können, wie etwa die Vertreter des personalistischen Ansatzes, die auf Quellen von Hitlers Absichtserklärungen verweisen können. Daher ist die Theorie nicht mit absoluter Sicherheit zu belegen. Jedoch lässt sich die Shoa weder ohne Hitlers Rassenwahn, noch ohne Macht-und Herrschaftsstrukturen erklären.

Quelle: Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Entschlussbildung und Verwirklichung von Eberhard Jäckel

Mehr dazu:

Peter Longerich

Wer viel und umfangreiches Material über die Zeit des Nationalsozialismus sucht, dem kann ich Peter Longerich sehr empfehlen. Er schreibt sehr verständlich und interessant.

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3 Antworten to “Über: Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Entschlussbildung und Verwirklichung von Eberhard Jäckel”

  1. AchSchaf Says:

    Der personalistisch Ansatz ist aus Deutscher Sicht natürlich klar vorzuziehen.

    Er entspricht weitgehend dem Geschichtsbild, das mir in den 80er Jahren im Geschichtsunterricht gelehrt wurde: Eine wahrhaft böse Gestalt, ein Satan im katholischen/gnosischen Sinne sozusagen, gewann die Macht über Deutschland und brachte eine Zeit der Dunkelheit, des Bösen über das Volk. Das Charmante daran ist, dass Hitler in letzter Konsequenz alleinig schuldig wird, selbst herausragende Verbrecher wie Brunner, Himmler, Mangele etc. erscheinen in diesem Lichte als harmlose Mitläufer. Zudem hatte Hitler den Vorteil, dass er sich rechtzeitig gestorben hatte, es bedurfte also nur noch zweier Vater Unser und eines Ave Marias: Ego te absolvo a peccatis tuis

    Als Dialektische Antithese erscheint der Strukturell-funktionalistische Ansatz weniger attraktiv: Unter der Führung eines harmlosen Ideoten massakrierte ein Volk von Verbrechern (wir) ein anderes (die Juden).

    Synthetisch würde ich sagen: beide Thesen wirken mir gleichermaßen lächerlich. Natürlich hatte die Clique rund um Hitler großen Einfluss auf das, was geschah. Es bedurfte aber natürlich auch des mörderischen Genies eines Brunner, der Perversion eines Mengele etc, um das umzusetzen. Erst die Symbiose zwischen dem Judenhass der Elite und der „Erarbeitung“ der praktischen Machbarkeit durch „seriöse“ Planer, Wissenschaftler, Projektmanager und Logistiker an der Basis ermöglichte die Schoah, ein – vom rein organisatorisch- logistischen Ansatz her betrachtet – utopisches Projekt.

    Himmler hatte scheinbar um 1940 noch die Abschiebung der Juden nach Madargaskar erwogen (Peter Longerich: Politik der Vernichtung). Auch wenn er da von „mildeste und humanste Art zur Endlösung“ spricht dürfte der humanistische Ansatz dabei eher unbedeutend gewesen sein: Es muss schier unmöglich erschienen sein, alle Juden zu töten. Mit anderen Worten: Obwohl die Führungsclique eine Schoah sicher als wünschenswert erachtet hätte, konnte sie doch nicht davon ausgegangen sein, dass die damit verbundenen organisatorischen Probleme lösbar sind. Damit kann es auch keinen konkreten Plan gegeben haben. Hitlers Gedanken dazu dürften wohl eher Wunschträume gewesen sein.

    Wie bei jedem komplexeren Prozess muss es auch hier zu einer Rückwirkung der „konkreten Erfolge“, der „Träume“ der Ausführenden auf die Pläne der Koordinatoren und Befehlsgeber gekommen sein. Die Ausführenden hatten natürlich ihre persönlichen Karrieren im Auge, sie hatten Visionen vor sich, wie sich ihre persönliche Laufbahn weiter entwickeln konnte, wenn die Unterdrückung der Juden in eine bestimmte Richtung weiter getrieben würde. Erschienen diese Visionen der Führungsclique attraktiv genug, so wurden sie aufgegriffen und strategisch weiter entwickelt.

    Das wenig attraktive an dieser Synthese ist, dass sie weder die Haupttäter, noch „das einfache Volk“ (also die Mittäter) entlastet, sondern im Gegenteil die Schuld über alle gleichmäßig verteilt.

    Für mich aber ist die Konsequenz eine weit schrecklichere: Wir (die „zivilisierten Menschen“) waren sehr wohl in der Lage, Verbrechen dieser Dimension zu begehen. All unsere Kultur, unsere Ethik hat uns weder davon bewahrt, solch ein Verbrechen zu begehen, noch wird es uns jemals davon bewahren. Wir (Menschen) sind Bestien, die zu jedem Verbrechen fähig sind. Ich möchte noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich damit die verlorene Unschuld nicht auf „die Deutschen“ beschränke. Man weiß heute, dass die Schoah ohne aktive oder passive Mitarbeit der gesamten „zivilisierten Welt“ nicht möglich gewesen wäre. Wir sind nicht mehr unschuldig!

  2. yael1 Says:

    Danke für deine Meinung. Fähig ist jeder Mensch zum Bösen oder sagen wir, jeder Mensch ist ein potentieller Mörder, denn wir haben grundsätzlich die Fähigkeit und das „Handwerk“ dazu.
    Zum Thema denke ich, dass eine Synthese aus beiden Ansatzpunkten besteht. Die eine und die andere für sich allein stehend, erklärt die Entschlussbildung meines Erachtens nicht.

  3. AchSchaf Says:

    Mir ging es vor allem auch darum, dass „Zivilisation“ uns vor solchen Verbrechen nicht schützt.

    Wir sagen: „Damals im alten Rom gab es Christenverfolgungen“ und implizieren, dass es so etwas heute nicht mehr geben könnte, weil wir heute – im Gegensatz zu damals – zivilisiert sind. Wir sagen: „Hutus haben Tuzis ermordet“ und implizieren, dass so etwas bei uns nicht passieren könne, weil wir – im Gegensatz zu irgendwelchen Negern irgendwo in Afrika – zivilisiert sind.

    Das ist eine Lüge, wie wir seit damals wissen. Nicht nur jeder Mensch, sondern ganz konkret jede – oder zumindest unsere – Kultur ist zum systematischen Mord an anderen (Völkern, Kulturen) fähig. Das ist die Lehre, die wir („westlich zivilisierten“ Menschen) aus der Schoah ziehen sollten!

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