“Letztes Lied”

Ich werde fortgehn, Kind. Doch Du sollst leben
Und heiter sein. In meinem jungen Herzen
Brannte das goldne Licht. Das hab ich Dir gegeben,
Und nun verlöschen meine Abendkerzen.

Das Fest ist aus, der Geigenton verklungen,
Gesprochen ist das allerletzte Wort.
Bald schweigt auch sie, die dieses Lied gesungen.
Sing Du es weiter, Kind, denn ich muss fort.

Den Becher trank ich leer, in raschem Zug
Und weiß, wer davon kostete, muss sterben …
Du aber, Kind, sollst nur das Leuchten erben
Und all den Segen, den es in sich trug:

Mir war das Leben wie ein Wunderbaum,
von dem in Sommernächten Psalmen tönen.
– Nun sind die Tage wie ein geträumter Traum;
Und alle meine Nächte, alle – Tränen.

Ich war so froh. Mein Herz war so bereit.
Und Gott war gut. Nun nimmt er alle Gaben.
In Deiner Seele, Kind, kommt einst die Zeit,
soll, was ich nicht gelebt, Erfüllung haben.

Ich werde still sein, doch mein Lied geht weiter.
Gib Du ihm deinen klaren, reinen Ton.
Du sei ein großer Mann, mein kleiner Sohn.
Ich bin so müde – aber Du sei heiter.

von Mascha Kaléko

Mich hat selten ein Gedicht so berührt wie dieses.

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11 Antworten to ““Letztes Lied””

  1. Rika Says:

    Oh,ja!
    Als ich es neulich in einem Fernsehfilm hörte, konnte ich nichts anderes als weinen…
    Vielleicht hast du den Film ja auch gesehen, so ein schwieriges Thema, Suizid als Folge einer lange währenden Krankheit namens Depression.
    Und dann die ergreifende Szene und das Gedicht….
    Trotzdem nicht kitschig. Es passte.

    Ich habe eine kleine Sammlung mit Gedichten von Mascha Kaléko … sie treffen (fast) alle ins Herz.

  2. EllaPeel Says:

    Hier noch mal ein Gruß und alle guten Wünsche für die bevorstehende OP.

  3. Aristobulus Says:

    Meist ist sie witzig, respektlos und voll nach Berlin klingend, “o weh, wohin der Mann auch geht, marschiert dein Fettwanst ihm voran. Und hinterdrein kommt erst der Mann. So was von Bauch. Ist das nicht toll? Der hat ja alle Hände voll”.

    • Silke Says:

      Ich habe ihr Stenogrammheft, ihr erstes Buch noch nicht gelesen. Ich habe nur das mit zu Lebzeiten unveröffentlichten Gedichten und das geht über einen ziemlichen Zeitraum und da habe ich den Eindruck, daß ihr das Kesse, Freche, Unbekümmerte etwas abhanden kam, nachdem sie dem Ruf der Liebe gefolgt war und noch schlimmer natürlich, nachdem sie in der Emigration war.

    • Silke Says:

      und noch was, vor Kurzem gab es ne Lange Nacht mit ner Menge Gedichten durch ihr ganzes Leben

      http://www.dradio.de/dlf/sendungen/langenacht/1599674/

      Wenige Gedichte saugen sich an mir fest, eins ist von ihr, nämlich das hier – es ist so schön Yin-Yang

      “Sehnsucht nach dem Anderswo

      Drinnen duften die Äpfel im Spind,
      Prasselt der Kessel im Feuer.
      Draussen pfeift Vagadundenwind
      Und singt das Abenteur.

      Der Sehnsucht nach dem Anderswo
      Kannst Du wohl nie entrinnen:
      Nach drinnen, wenn Du draussen bist,
      Nach draussen, bist Du drinnen.”

      • Aristobulus Says:

        Mascha Kaléko ist schon groß (Dein Gedicht müsst man vertonen!), aber Rajzel Zychlinski ist gigantisch, kennst Du die?

        Kann man blind aufschlagen, das dicke Gedichtebuch (von 2001), es haut mich meist aus den Socken – etwa wie dieses auf S. 558:

        fremd sajnen mentschn,
        woss forn in zugn.
        sejere penemer –
        flekn wajte fun lewoness –
        wekn ojf dem trojer
        fun inewejniksste mercakim
        un farschwindn
        wi kejn mol nischt gewejn.
        un nor di relssn, woss schnajdn durch
        di samdn in di himlen,
        wejssn,
        as jedess ponem is a ness,
        un as der ness
        ken noch a mol geschen.

        Fremd sind Menschen.,
        die in Zügen fahren.
        Ihre Gesichter
        Mondflecken fern –
        erwecken die Trauer
        der innersten Fernen
        und verschwinden
        wie nie gewesen.
        Nur die Schienen, die den Sand
        zum Himmel durchschneiden,
        wissen,
        jedes Gesicht ist ein Wunder,
        ein Wunder, das
        noch einmal geschehen kann.

  4. Max Meier Says:

    Ich habe noch selten ein so gutes ,ergreifendes Gedicht wie “Das letzte Lied” gehöhrt. Es wurde rezidiert im Film “der letzte schöne ” Tag, den sich alle mit grossen Depressionen ansehen solten. Er hält vielleicht einige ab, Suizid zu begehen, denn die Hinterbliebenen können dies kaum verarbeiten. Der film mit diesem Gedicht war einsame Spitze und irre gespielt.

  5. Marianne Kreichgauer Says:

    Auch Ich habe den Film : “Der letzte schöne Tag” gesehen.Er hat mich sehr berührt, da ich vor einem Jahr meinen Mann, 85 Jahre alt verloren habe. ich habe viele Tränen vergossen. Trotzdem danke für einen seit langer Zeit wieder einmal sehr sehenswerten Film. Das Gedicht ” Letztes Lied ” war sehr passend. M.K.

  6. Günter Stumpp Says:

    Kennt jemand eine englische Übersetzung von Mascha Kaléko: “Letztes Lied”

  7. Regina Kleist Gina Workshops Says:

    Ich habe den Film auch gesehen und fand ihn sehr gut. Das Gedicht war unglaublich passend gewählt, sensibel gespielt von den Schauspielern und begleitet mich seither. es sollte bei jeder beerdigung rezitiert werden – so heilsam! Viele Grüße an alle hier

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